1. Wer ist Clifford Geertz?
2. Was versteht man unter „Interpretativer
Ethnologie"?
3. Welche Aussagen trifft
Clifford Geertz?
4. Worin besteht die
herausragende Bedeutung seiner Arbeiten für die Sozial- und Kulturwissenschaften?
1. Wer ist Clifford Geertz?
Clifford Geertz wurde 1926 in San Francisco geboren. Er studierte zunächst am Antioch College (erhielt 1950 seinen B.A.), später in Harvard am Department of Social Relations. Dort wurde Geertz in seiner theoretischen Ausrichtung nachhaltig von seinen Lehrern, vor allem Talcott Parsons, beeinflußt. Auch sein Interesse an Weber und Durkheim stammt aus dieser Zeit. Nach dem Abschluß seines Studiums promovierte er und erhielt nach einer kurzen Zwischenstation an der Westküste (University of California von 1958-60) einen Ruf nach Chicago, wo er bis 1970 am Department of Anthropology lehrte. 1970 wurde er Professor der Sozialwissenschaften am Princetons’ Institute of Advanced Study.
Clifford Geertz heiratete am Ende der 40er Jahre seine Kommilitonin Hildred Storey. Diese Ehe wurde jedoch 1981 geschieden. Sie haben zusammen zwei Kinder. Beide forschten zusammen in Indonesien und Marokko, so daß es eine Reihe gemeinsamer Publikationen gibt.
Heute gilt Geertz unangefochten als der bekannteste Vertreter des Ansatzes
einer „Interpretativen Ethnologie" und ist mittlerweile auch international
meistgelesenster Anthropologe sowie einer der wenigen Vertreter seines
Faches, dessen Bedeutung über die Grenzen der eigenen Disziplin hinausreichen.
Er gehört, neben Lévi-Strauss, zu einem der einflußreichsten
zeitgenössischen Fachvertreter.
In den 70er Jahren entwickelte sich die Interpretative Ethnologie (oft auch gleichgesetzt mit Hermeneutischer Ethnologie) zu einem der einflußreichsten Paradigmen innerhalb der amerikanischen Kulturanthropologie. Die Etablierung von Positionen der Interpretativen Ethnologie erfolgt über eine Abgrenzung zur analytischen Richtung sowie über eine Öffnung zu Philosophie und anderen Nachbardisziplinen.
Man unterscheidet zwei Phasen innerhalb dieser Richtung. Zunächst war Clifford Geertz ein einflußreicher Anreger seit den 60er Jahren. Er gilt als typischer Vertreter einer ersten Phase bis 1980. Anhand der ausführlichen Kritik an den Interpretationsformen von Geertz läßt sich der Übergang zu einer zweiten Phase abzeichenen. Die Kritik dieser „Zweiten Generation interpretativ orientierter Ethnologen" an den theoretischen Vorgaben von Geertz, David Schneider oder Victor Turner wurde z. B. von V. Crapanzano, M. Fischer sowie P. Rabinow ausgeübt.
Die Interpretative Ethnologie fragt nach den einer Kultur zugrundeliegenden Symbolsystemen, mit denen die Menschen ihre Erfahhrungen ausdeuten und untereinander kommunizieren, sowie den Vorstellungsstrukturen, die sich in diesen Symbolsystemen artikulieren.
Der Fokus dieses Ansatzes liegt demnach im Studieren von Bedeutungen
im sozialen Leben der Menschen. D. h., es wird z. B. untersucht:
· wie wir etwas Sinn geben sowie uns und unsere Umwelt interpretieren,
· wie wir auf der Basis unseres Verstehens die gemeinsam geteilte
kommunikative Welt schaffen,
· Religion, Ritual, Kunst, Tanz, Mythen, Rhetorik.
Das interpretative Paradigma wurde entscheidend beeinflußt von
Positionen der Hermeneutik (=Auslegekunst) sowie von Persönlichkeiten
wie W. Dilthey, M. Foucault, A. Schütz, T. Parsons und P. Ricoeur.
Dies demonstriert, daß die alten Disziplingrenzen durch neue Diskussionszusammenhänge
jenseits der Einzelwissenschaften zunehmend aufgehoben werden. Die Interdisziplinarität
ist für die Interpretative Ethnologie fundamental.
3. Welche Aussagen trifft Clifford Geertz?
Geertz hat mit einer Aussage über Kultur einen programmatischen Ausgangspunkt gesetzt, denn er greift auf die Metapher des Textes zurück: „Der Kulturbegriff, den ich vertrete, ist wesentlich ein semiotischer. Ich meine mit Max Weber, daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzten sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht. Mir geht es um Erläuterungen, um das Deuten gesellschaftlicher Ausdrucksformen, die zunächst rätselhaft scheinen."
Nach Geertz ist die Arbeit des Ethnologen im Feld wie das Lesen eines Ensembles von Texten und Untertexten; der Ethnologe kann diese Texte lesen. Symbole genauso wie die in ihnen liegenden Bedeutungen formieren sich zum kulturellen Beziehungsganzen, dessen Teile interdependent sind. Die Bedeutungen der Symbole werden, je nach Kontext, von den Kulturteilnehmern festgelegt und intersubjektiv geteilt.
Geertz bezeichnet den komplexen Vorgang des ethnographischen Prozesses
als „Dichte Beschreibung" (in Anlehnung an G. Ryle). Damit ist eine Darstellung
gemeint, die wowohl eine Handlung selbst als auch die Bedeutung dieser
Handlung erfaßt. Das klassische Beispiel für die Geertz’sche
Art zu interpretieren, ist sein Aufsatz über den balinesischen Hahnenkampf.
4.
Worin besteht die herausragende Bedeutung seiner Arbeiten für die
Sozial- und
Kulturwissenschaften?
Innerhalb der Ethnologie wird über das ganze Jahrhundert hinweg über die Thematik des Beobachterfehlers diskutiert. Diese Beobachterfehler (Vorurteile, westlicher Ethnozentrismus) sollen eliminiert werden. Bis in die 60er Jahre wurde das durch die Methodik versucht. Dann vollzog sich eine Wende: Texte als Fakten werden hinterfragt. Die Rolle des Anthropologen als Schriftsteller wird betont. Diese „Writing Culture Debatte" hält heute noch an und hat durch Geertz eine literarische Wende erfahren.
Wie legitimiert sich der Autor? Diese Frage wurde von Geertz in die Diskussion eingebracht. Auf der einen Seite befindet sich das Schreiben (eine bestimmte Erzählweise), auf der anderen die Interpretation. Mit Hilfe von bestimmten literarischen Mitteln wird der Autor glaubwürdig. Es stellt sich also die Frage, ob man einem Text glauben kann, ob er nicht nur konstruiert ist = „postmodernes Dilemma".
Clifford Geertz war und ist prägend für die heutige Ethnologie, denn interpretative Arbeit wird im weitesten Sinne betrieben. Seine Hinterfragung, wie es dem Autor gelingen kann, überzeugend zu wirken, hatte großen Einfluß auf die aktuelle Diskussion.
Trotz zahlreicher Kritik an Geertz’ Aussagen werden entscheidende Grundpositionen
mit ihm geteilt: Die Wissenschaftler sind sich einig, daß Ethnologie
ein „interpretatives Unternehmen" ist, daß es um die Darstellung
einer Innensicht geht und diese Wirklichkeit von phänomenologischen
und hermeneutischen Positionen aus betrachtet werden muß.
Quellen:
1. Volker Gottowik: Konstruktionen des Anderen. Clifford Geertz und
die Krise der ethnographischen Repräsentation, Berlin
1997
2. Irmtraud Stellrecht: Interpretative Ethnologie. Eine Orientierung,
in: T. Schweizer, M. Schweizer, W. Kokot: Handbuch der
Ethnologie, Berlin 1993
3. Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen
kultureller Systeme, Frankfurt am Main, 1997